Carsharing & ÖPNV: Gemeinsam unterwegs zur Stadt von morgen

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Carsharing, Expert Interviews

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Carsharing und öffentlicher Nahverkehr sind zwei Säulen des Umweltverbundes, die in ihrer Kooperation großes Potenzial besitzen. Studien zeigen, dass Carsharing-Nutzer*innen einen vielfältigen Mobilitätsmix aus Auto, Fahrrad und ÖPNV wählen. Daher ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Carsharing-Betreibern und ÖPNV-Unternehmen sinnvoll.

Mit der Gründung des „Bündnisses nachhaltige Mobilitätswirtschaft” gibt es bereits einen Zusammenschluss aus dem Verband der Verkehrsunternehmer, dem Verband Zukunft Fahrrad und dem Bundesverband Carsharing. Worauf es bei einer Kooperation zwischen den Partnern ankommt, erklärt Gunnar Nehrke, Geschäftsführer des Bundesverband Carsharing e.V. Als Dachverband der deutschen Carsharing-Anbieter ist der bcs Mittler zwischen Betreibern und politischen Entscheidungsträgern.

Carsharing ist in weiten Teilen ein privatwirtschaftliches Geschäft und bewegt sich in einem Geschäftsfeld, in dem auch der Staat aus seinem Auftrag der Daseinsvorsorge und Infrastrukturbereitstellung heraus Mobilitätsangebote mit den traditionellen öffentlichen Verkehrsmitteln macht. Aus eurer Perspektive und der eurer Mitglieder: Wie erlebt ihr diese Situation?

Carsharing und ÖPNV ergänzen sich und profitieren wechselseitig voneinander. Dass Carsharing eigenwirtschaftlich funktioniert, sehen Kommunen und ÖPNV-Unternehmen als Chance, das lokale Mobilitätsangebot ohne zusätzliche Haushaltsbelastung zu erweitern.

Ihr betont als Verband, dass Carsharing Teil einer ressourcenschonenden und klimaneutralen Mobilität in enger Zusammenarbeit mit den weiteren Akteuren des Umweltverbunds ist. Welche Rolle kommt dem Carsharing dabei zu?

Carsharing ist der Auto-Baustein des Umweltverbunds. Haushalte, die vom privaten Pkw auf das Carsharing umsteigen, sind nicht mehr finanziell an ein Auto gefesselt. Sie probieren andere Verkehrsmittel aus und merken, dass der Pkw für viele Wege gar nicht die beste Wahl ist. Davon profitieren die klimaschonenden Alternativen Bus, Bahn und Fahrrad.

Die Studie Mobilität in Deutschland zeigt, dass Carsharing-Haushalte im Durchschnitt viel seltener als autobesitzende Haushalte Auto fahren – obwohl sie stets ein Sharing-Auto zur Verfügung haben.

Welche Beispiele gibt es für funktionierende Kooperationen zwischen Carsharing-Betreibern und den Anbietern öffentlicher Verkehrsmittel? Worin genau bestehen sie? Und wie erleben Kund*innen sie konkret?

Es gibt in rund 1.400 Gemeinden in Deutschland ein Carsharing-Angebot. Die Zusammenarbeit reicht von Marketing-Kooperationen über den gemeinsamen Aufbau von Mobilitätsstationen bis zu gemeinsame Reiseauskünfte in digitalen Apps. Entscheidend aus Kund*innensicht ist, dass Carsharing und ÖPNV nah, leicht nutzbar und gut verfügbar sind.

Unser wichtigstes gemeinsames Ziel besteht also darin, eine möglichst engmaschige Mobilitätsinfrastruktur aus ÖPNV-Haltepunkten, Carsharing- und Mobilitätsstationen aufzubauen – als komfortable und kostengünstige Alternative zum privaten Auto.

Was sind Erfolgsfaktoren für Kooperationen zwischen Carsharing und ÖPNV-Unternehmen?

Der wichtigste Erfolgsfaktor ist wechselseitiges Verständnis für das Geschäftsmodell. ÖPNV-Unternehmen bewerten ihr eigenes Mobilitätsangebot stark unter dem Gesichtspunkt der Daseinsvorsorge, der Teilhabe und der Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse.

Auch Carsharing-Anbieter haben diese Ziele, müssen aber als eigenwirtschaftliche Unternehmen zusätzlich fragen: Wie schreiben wir zumindest eine schwarze Null? Dieser Unterschied führt manchmal zu unterschiedlichen Antworten bei Fragen wie: Was ist das Ziel einer Angebotserweiterung? Oder: Wie tief muss die Integration in eine ÖPNV-App wirklich sein?

In guten Kooperationen stellen sich die Partner auf diesen Unterschied ein.

Welche Beispiele für öffentliche Verkehrsmittelanbieter mit eigenen Carsharing-Angeboten gibt es in Deutschland? Was macht/zeichnet diese Angebote aus?

Es gibt einige Beispiele, aber gar nicht so viele. Die meisten zeichnet aus, dass sie in Gebieten agieren, in denen Carsharing eigenwirtschaftlich nicht möglich wäre. Wenn man die Leistung dann nicht bei einem Carsharing-Anbieter bestellen kann, muss man sie selbst aufbauen. Das passiert öfter in ländlichen Gegenden und kleinen Kommunen, wo Stadtwerke dann auch ein Carsharing-Angebot betreiben.

In den meisten größeren Städten ist eine eigene Carsharing-Tochter nicht nötig, weil dort bereits privatwirtschaftliche Carsharing-Anbieter aktiv sind. Augsburg, Ulm und Leverkusen gehören zu den wenigen größeren Städte, in denen auch ein öffentliches Unternehmen Carsharing anbietet. Die Carsharing-Angebote dort unterscheiden sich nicht von denen der privatwirtschaftlichen Carsharing-Anbieter.

Carsharing & ÖPNV - Gunnar Nehrke

Ihr stellt als Verband heraus, dass Carsharing insbesondere in Regionen mit stark ausgebautem ÖPNV-Angebot gut funktioniert. Welche Rolle kommt Carsharing im ländlichen Raum zu, vor allem mit Blick auf einen weniger ausgebauten ÖPNV?

Carsharing kann überall gut funktionieren. Das sagen wir als Verband auch so. Es gibt tolle Carsharing-Angebote in Dörfern mit 500 Einwohnenden, die keine Busverbindung haben. Unsere These als Verband ist eine andere: Carsharing entfaltet seine volle verkehrs- und umweltentlastende Wirkung nur dort, wo es einen gut ausgebauten ÖPNV und eine gute Radinfrastruktur gibt. Denn Carsharing soll dazu führen, Wege vom Pkw auf Fahrrad und ÖPNV zu verlagern. Aber wie soll diese Verlagerung funktionieren, wenn das ÖPNV-Angebot schlecht und Fahrradfahren unattraktiv ist?

In solchen Fällen kann es Carsharing trotzdem geben, aber es sorgt dann vor allem dafür, dass die teilnehmenden Haushalte Zweit- und Drittwagen durch Carsharing ersetzen. Das ist auch positiv, aber es ist nicht der ganze verkehrs- und klimapolitische Benefit, den das Carsharing haben kann. Deswegen: Seine volle Wirkung entfaltet das Carsharing nur, wenn die anderen Verkehrsmittel des Umweltverbunds gut verfügbar und leicht nutzbar sind. Dann ergänzen sie sich optimal.

Welche Optimierungspotenziale und weiteren Entwicklungsmöglichkeiten seht ihr für das Zusammenspiel zwischen Carsharing und ÖPNV im Sinne der Ressourcenschonung und Klimaneutralität?

Multimodale Mobilität – also der Verbund aus ÖPNV, Fahrrad und Sharing – ist dem monomodalen Pkw-Verkehr in Bezug auf Energieverbrauch, Flächenverbrauch und oft auch in Bezug auf die Kosten für die Nutzenden überlegen. Das sollte die multimodale Mobilitätswirtschaft immer wieder herausstellen.

Für ein gutes Zusammenspiel im Alltag der Nutzenden und für die Begeisterung von neuen Nutzenden müssen wir gemeinsam unsere operativen Hausaufgaben machen. Als wichtiges Optimierungsfeld sehen wir momentan die multimodalen Apps: Das Carsharing-Geschäftsmodell verlangt nach schneller Reaktion auf die Bedürfnisse der Nutzenden und voller Digitalisierung im Hintergrund.

Der ÖPNV verändert sich in der Regel langsamer – auch weil Vieles bestellt und langfristig vereinbart ist. Bei der digitalen Integration in gemeinsame Apps entstehen aus den unterschiedlichen Geschwindigkeiten manchmal Konflikte. Deswegen empfehlen wir als Verband für multimodale Apps eine sogenannte „flache Vollintegration“. Diese macht das Carsharing-Produkt in den ÖPNV-Apps ohne Qualitätsverlust sichtbar, die für die Zufriedenheit der Nutzenden essenziellen Kernprozesse bleiben aber in der spezialisierten Carsharing-App.

Das ist nicht nur pragmatisch und kostengünstig, sondern auch nachhaltiger: Wir beobachten leider, dass viele tiefenintegrierte Apps aufgrund der hohen Aktualisierungskosten veralten oder ganz eingestellt werden müssen. Für die Verlässlichkeit des Angebots aus Kundensicht ist die flache Vollintegration der bessere Weg.

Welche Kooperationsformate und Ideen gibt es, die ihr euch für die Zukunft wünscht?

Das Ziel der Kooperation ist, gemeinsam die bessere Alternative zum privaten Pkw anzubieten: Komfortabler, kostengünstiger, klimafreundlicher. Der zentralste Erfolgsfaktor dafür ist die gute Verfügbarkeit vor Ort. Kommunen, ÖPNV-Unternehmen und Carsharing-Anbieter müssen weiterhin eng zusammenarbeiten, wenn es um den Aufbau von Carsharing- und Mobilitätsstationen im öffentlichen Raum geht. Dafür sind mittlerweile an vielen Orten eingespielte Prozesse entstanden, besonders gut funktioniert es beispielsweise in Dresden oder in Darmstadt.

Auch beim Aufbau digitaler multimodaler Apps sollten Carsharing und ÖPNV-Unternehmen weiterhin eng kooperieren. Hier sehen wir noch Potenzial für mehr Effizienz durch Standardisierung der Schnittstellen und der Integrationstiefen.

Als Zukunftsthemen sehen wir gemeinsame multimodale Mobilitätsbudgets für Unternehmen und den Aufbau gemeinsamer Leitstellen für autonomes und teleoperiertes Fahren.

Vielen Dank, Gunnar, für das Interview und die wertvollen Einblicke in die Partnerschaft von Carsharing-Betreibern und ÖPNV-Unternehmen!


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