Insights-Interview zum stationsbasierten Carsharing mit cambio

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Carsharing, Expert Interviews, Shared Mobility

Zusammenfassung

Wir haben mit Paul Kreiner, Produktmanager Buchung und Elektrifizierungsstrategie-Lead bei cambio, über seine Erfahrungen im stationsbasierten Carsharing gesprochen. Im Fokus standen Einblicke in die Elektrifizierung von Flotten, ihre Entwicklung im Laufe der Zeit, Marktunterschiede, sowie Herausforderungen und politische Rahmenbedingungen, die den weiteren Ausbau beeinflussen. cambio zählt zu den frühen Pionieren des Carsharing-Marktes und ist in Deutschland und Belgien aktiv. Mit über 230.000 Kundinnen und Kunden sowie mehreren Tausend Fahrzeugen in 46 deutschen und mehr als 130 belgischen Städten gehört cambio zu den größten Anbietern stationsbasierten Carsharings in Europa.

Der europäische Carsharing-Markt ist komplex und zeichnet sich durch eine große Vielfalt unterschiedlicher Geschäftsmodelle aus. Anbieter verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze, von stationsbasiertem Carsharing über Peer-to-Peer-Modelle bis hin zu Free-Floating-Angeboten, um verschiedene Anwendungsfälle und Serviceanforderungen abzubilden. Zusätzlich zählt Europa zu den größten und zugleich komplexesten Carsharing-Märkten weltweit. Um diese Komplexität greifbar zu machen, veröffentlicht INVERS das INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2025“. Der 76-seitige Report gibt Carsharing-Anbietern einen kompakten Überblick über zentrale Marktdynamiken, Erkenntnisse und Trends.

Inhaltsverzeichnis

Wie sieht cambios aktuelle Elektrofahrzeugflotte aus und wie hat sie sich im Laufe der Zeit verändert?

Unsere Elektromobilitätsreise begann 2011 mit dem Mitsubishi i-MiEV. Schon früh wurde deutlich, dass die Buchung von Elektrofahrzeugen mehr erfordert als die bloße Reservierung eines Zeitfensters. Deshalb haben wir begonnen, für jede Buchung eines Elektrofahrzeugs eine Mindestreichweite zu garantieren – und an diesem Anspruch halten wir bei cambio bis heute fest. Denn ein Fahrzeug mit leerer Batterie entspricht nicht dem verlässlichen Mobilitätsangebot, für das wir stehen. Kleine, aber vollwertige Fahrzeuge sind unser Hauptfahrzeugtyp. Der Renault Zoe hat dabei eine zentrale Rolle gespielt, weil er genau diese Anforderungen erfüllt und unsere erste Skalierungsphase dank seiner Zuverlässigkeit maßgeblich ermöglicht hat. In jüngerer Zeit haben wir uns verstärkt auf Modelle konzentriert, die auch als Verbrenner mit Automatik verfügbar sind, um den Wechsel für unsere Kundinnen und Kunden zu erleichtern – insbesondere auf den Opel Corsa. Ergänzend setzen wir dort, wo es zum Nutzungsmuster passt, auch Kombis und Transporter ein. Unsere Elektroflotte ist aus Überzeugung auf fast 800 Fahrzeuge gewachsen. Wie stark sie künftig weiterwachsen kann, hängt jedoch maßgeblich von einer verlässlichen Unterstützung durch die Kommunen und von Fahrzeugen ab, die sich noch besser für den Carsharing-Einsatz eignen.

Wie unterscheidet sich die Elektrifizierung der cambio-Flotte zwischen den einzelnen Märkten? Und was lässt sich von erfolgreichen Märkten lernen?

Die Elektrifizierung verläuft von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. In unseren am weitesten fortgeschrittenen Märkten ist inzwischen rund jedes dritte Fahrzeug elektrisch und genau dort zeigen sich die eigentlichen Herausforderungen. Viele operative Anforderungen werden erst bei einem höheren Anteil an Elektrofahrzeugen sichtbar. Dazu gehören etwa die Logistik über verschiedene Stationen hinweg und die Fahrzeugverfügbarkeit zu Spitzenzeiten oder Sonderfälle, die sich nicht mit standardisierten Prozessen abbilden lassen. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist die durch Software gesteuerte Effizienz. Deshalb verzahnen wir Kunden-App, Buchungssystem und Flottenbetrieb eng miteinander und nutzen Fahrzeug- und Ladedaten in Echtzeit (etwa zum Ladezustand oder zum aktuellen Ladevorgang), um Abläufe zu automatisieren und Ausnahmen schnell und verlässlich zu steuern.

Was ist die größte Herausforderung beim weiteren Ausbau der Elektroflotte?

Unsere größte Herausforderung ist, hohe Anteile von Elektroautos so umzusetzen, dass wir in allen Stadtteilen alle Nutzungsszenarien zuverlässig bedienen können. Innerstädtische Fahrten sind vergleichsweise unkompliziert, und auch regionale Strecken können wir mit unserem Ansatz der garantierten Mindestreichweite gut abdecken. Anspruchsvoller sind längere Fahrten. Dafür brauchen wir Fahrzeuge mit mehr Reichweite unter realen Bedingungen, guter Schnellladeleistung und ausreichend Komfort auf der Autobahn. Gerade in Ferienzeiten sind oft mehr als zwei Drittel unserer Flotte mit Nutzerinnen und Nutzern unterwegs. Wenn unsere Elektrofahrzeuge dann nicht auch für Urlaubsfahrten geeignet sind, können wir die Nachfrage nicht in der nötigen Breite abdecken. Am Ende läuft es auf einen zentralen Punkt hinaus: Wir brauchen Elektrofahrzeuge, die auch auf längeren Strecken zuverlässig funktionieren. Solche Modelle verursachen heute jedoch meist Gesamtkosten, die etwa doppelt so hoch sind wie bei vergleichbaren Verbrennermodellen. Diese Kostenlücke bleibt selbst bei starker kommunaler Unterstützung die größte Herausforderung für die weitere Elektrifizierung unserer Flotte.

Welche politische Unterstützung benötigt cambio, um seine Flotte weiter zu elektrifizieren?

Carsharing funktioniert dann am besten, wenn Stationen nachfragenah platziert und gut sichtbar sind – deshalb sind fest ausgewiesene Stellplätze im öffentlichen Raum für uns von zentraler Bedeutung. Wenn wir diese besonders wichtigen Standorte elektrifizieren wollen, sind wir auf die Unterstützung der Kommunen angewiesen. Ein gutes Beispiel dafür ist das “Bremer Modell”. Dort stellt die Stadt die grundlegende Infrastruktur am Standort bereit. Der Carsharing-Anbieter installiert darauf aufbauend eigene Wallboxen, die in das jeweilige Backend integriert sind und sich bei einem Betreiberwechsel austauschen oder zurückbauen lassen. Ohne eine solche Unterstützung bleibt die Elektrifizierung ein langsamer Prozess, der sich nur schwer skalieren lässt, auf der Suche nach Standorten mit den richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen, einem kooperativen Vermieter und Netzanschluss, die oft weit entfernt von den Orten liegen, an denen der Bedarf besteht. Damit der Umstieg auf elektrische Antriebe die Verkehrswende unterstützt und nicht ausbremst, braucht Carsharing Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum und dafür eine aktive Unterstützung durch die Kommunen.

Weitere Einblicke in den europäischen Carsharing-Markt

Paul, vielen Dank für den Einblick in deinen Arbeitsalltag und das Teilen deiner Expertise.

Weiterführende Informationen zum europäischen Carsharing-Markt enthält das 76-seitige INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2025“ mit weiteren Experteninterviews sowie Einblicken nationaler Carsharing-Verbände. Mehr über cambio erfahren Sie auf der Website des Unternehmens.

Hinweis: Das originale Bloginterview mit Paul haben wir auf Englisch geführt und kann hier gelesen werden.

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