Mobilitys Blick auf Genossenschaften, Microcars, und öffentliche Verkehrsmittel
Zusammenfassung
Wir haben Corinne Vogel, Geschäftsführerin von Mobility, zu ihren Erfahrungen im stationsbasierten Carsharing in der Schweiz befragt. Sie gab wertvolle Einblicke in Themen rund um Genossenschaften, Microcars, Synergien zwischen Carsharing und öffentlichen Verkehrsmitteln, Faktoren für den perfekten Carsharing-Stellplatz sowie Angebote für Geschäftskunden. Die Schweizer Genossenschaft bietet ihren fast 300.000 Kunden 3.500 Fahrzeuge an 1.800 Standorten an. Bereits 20 Prozent der Fahrzeuge sind Elektroautos. Laut Mobility ersetzt eines ihrer Autos 18 Privatwagen, was Platz spart, den Verkehr entlastet und die Umwelt schont.
Der europäische Carsharing-Markt ist komplex und zeichnet sich durch eine große Vielfalt unterschiedlicher Geschäftsmodelle aus. Anbieter verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze, von stationsbasiertem Carsharing über Peer-to-Peer-Modelle bis hin zu Free-Floating-Angeboten, um verschiedene Anwendungsfälle und Serviceanforderungen abzubilden. Zusätzlich zählt Europa zu den größten und zugleich komplexesten Carsharing-Märkten weltweit. Um diese Komplexität greifbar zu machen, veröffentlicht INVERS das INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2026“. Der Report gibt Carsharing-Anbietern einen kompakten Überblick über zentrale Marktdynamiken, Erkenntnisse und Trends.
Inhalt
Könnt ihr uns als eine der weltweit führenden Carsharing-Genossenschaften eure Eindrücke von den Jahresversammlungen und der laufenden Arbeit der Genossenschaft schildern?
Genossenschaften können eine Lösung für aktuelle Herausforderungen bieten. Doch sie benötigen stetigen Einsatz und entwickeln sich nicht von allein. Mobility ist in 19 geografische Sektionen in der ganzen Schweiz gegliedert. Alle Mitglieder der Genossenschaft sind herzlich eingeladen, an den Versammlungen ihrer jeweiligen Sektion teilzunehmen. Dort erhalten sie Einblicke in das Unternehmen und wählen alle zwei Jahre Delegierte und Stellvertreter.
Die Delegierten vertreten die Mitglieder an der jährlichen Delegiertenversammlung. An dieser Versammlung werden beispielsweise der Geschäftsbericht sowie die Jahresabschlüsse genehmigt, über Anträge zu den Statuten entschieden und der Verwaltungsrat gewählt. Die Delegierten können zudem Anträge einreichen und schriftliche Auskünfte vom Unternehmen einholen.
Interessant wird es, wenn wir über die traditionelle genossenschaftliche Demokratie hinausgehen. Unsere Mitglieder nehmen beispielsweise an Fokusgruppen teil, in denen sie bei der Entwicklung von Angeboten mitwirken, sie präsentieren Mobility an lokalen Veranstaltungen und fungieren als Trainer bei Schulungen für Elektroautos. Dieses letzte Beispiel steht exemplarisch für soziale Hilfe zur Selbsthilfe, die es in dieser Art nur in Genossenschaften gibt.
Inwiefern hat sich die Genossenschaft im Laufe der Zeit weiterentwickelt?
Die Mobility-Genossenschaft besteht seit 30 Jahren und zählt mittlerweile über 76.000 Mitglieder. Im Zuge unseres Wachstums stellte sich die Frage, wie sich unsere genossenschaftliche Demokratie weiterentwickeln soll, damit sie zugänglich bleibt, ohne dabei an Substanz zu verlieren. Digitale Formate sind Teil der Antwort. Abstimmungen und Wahlen an der Delegiertenversammlung finden seit 2020 digital statt. Die Kommunikation mit den Delegierten wurde über Microsoft Teams intensiviert. Und in Zukunft sollen die Mitglieder noch enger eingebunden werden. Zu diesem Zweck testen wir derzeit eine digitale Plattform, die ausschließlich den Mitgliedern der Genossenschaft vorbehalten ist. Damit wollen wir den Kontakt zur Community noch einfacher gestalten und den Dialog fördern. Denn eine moderne Genossenschaft muss beides können: professionell und schnell genug handeln, um in einem dynamischen Markt zu bestehen – und gleichzeitig den Mitgliedern genügend Raum für Mitbestimmung bieten.
Nach welchen Kriterien würdet ihr den perfekten Carsharing-Parkplatz von Mobility definieren? Wie lange dauert es, bis aus einer Idee für eine neue Station ein tatsächlich nutzbarer Parkplatz wird?
Unsere Standorte stehen im Mittelpunkt unseres Carsharing-Angebots, und als Mieter sind wir auf geeignete Parkplätze angewiesen. Diese müssen rund um die Uhr zugänglich, ausreichend groß und gut organisiert sein. Idealerweise befinden sie sich in dicht besiedelten Stadtvierteln in der Nähe öffentlicher Verkehrsmittel. Da unsere Autos über eine App entriegelt werden, ist eine 4G-Netzabdeckung unerlässlich. Wenn der Parkplatz bereits über eine Ladestation verfügt, ist das von Vorteil. Schließlich steigt die Zahl der Elektroautos in unserer Flotte stetig an, und die Bereitstellung einer Ladestation dauert im Durchschnitt mehrere Monate. Im Gegensatz dazu ist ein Standort mit einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor im Durchschnitt bereits nach vier Wochen betriebsbereit.
Was waren die Gründe dafür, Microcars in eure Carsharing-Flotte aufzunehmen? Könnt ihr bereits erste Eindrücke vom Microlino-Pilotprojekt schildern?
Mit diesem Pilotprojekt in der Stadt Zürich möchte Mobility herausfinden, ob Microcars einen echten Bedarf bei unseren Kunden decken und ob sie sich im Carsharing-Alltag bewähren. Unsere Nutzer benötigen das Auto oft nur für wenige Stunden und für kurze Fahrten. Der Microlino dürfte daher für viele Einsatzzwecke das ideale Fahrzeug sein. Auf jeden Fall wurden die Kleinstwagen in den ersten Monaten intensiv genutzt. Umfragen zeigen, dass viele Kunden aus Neugier eine Buchung vorgenommen haben. Um mehr über Microcars im Carsharing-Kontext zu erfahren, wird das Pilotprojekt auf weitere Standorte ausgeweitet. Zudem analysieren wir kontinuierlich das Fahrverhalten der Nutzer und sammeln Feedback.
Wie nutzt ihr Synergien mit öffentlichen Verkehrsbetrieben wie der SBB? Könnt ihr uns Datenbeispiele zur Schnittstelle zwischen öffentlichem Nahverkehr und Carsharing aufzeigen?
Carsharing ist Teil der modernen Mobilität und kann nur in Verbindung mit einem umfassenden und effizienten öffentlichen Verkehrsmittelsystem funktionieren. Deshalb pflegt Mobility enge Beziehungen zu verschiedenen Anbietern und organisiert gemeinsame Kampagnen. Am wichtigsten ist jedoch der nahtlose Übergang zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln – also vom Zug zum Carsharing-Auto. Fast 1.200 unserer Fahrzeuge stehen direkt neben einem Bahnhof. Das macht Sinn, denn 92 Prozent der Mobility-Nutzer besitzen ein Abonnement für den öffentlichen Verkehr. Zudem zeigen Umfragen, dass 15 Prozent der Mobility-Mitglieder öffentliche Verkehrsmittel häufiger nutzen, nachdem sie sich für das Carsharing angemeldet haben.
Wie bedient ihr Geschäftskunden, und warum entscheiden sich Unternehmen für das Carsharing-Angebot von Mobility statt für Autovermietung, Leasing oder ihre eigenen Firmenflotten?
Über 6.000 Unternehmen, Gemeinden und Immobilienbesitzer in der Schweiz nutzen bereits Mobility, anstatt eigene Fahrzeugflotten zu unterhalten. Was uns von Vermietung oder Leasing unterscheidet, ist Flexibilität: Geschäftskunden haben Zugang zu über 3.500 Fahrzeugen in der ganzen Schweiz und zahlen nur für die tatsächliche Nutzung – ohne Kapitalaufwand, ohne Fixkosten und ohne Bedarf an eigenen Parkplätzen. Das ist nicht nur umweltfreundlicher als der Unterhalt einer firmeneigenen Flotte, sondern auch deutlich kostengünstiger. Da jedes Unternehmen unterschiedliche Bedürfnisse hat, beraten wir individuell und finden die passende Lösung – von der flexiblen Nutzung der bestehenden Flotte bis hin zu einem eigenen Mobility-Standort.
Weitere Einblicke in den europäischen Carsharing-Markt
Corinne, vielen Dank für den Einblick in deinen Arbeitsalltag und das Teilen deiner Expertise.
Weiterführende Informationen zum europäischen Carsharing-Markt enthält das umfangreiche INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2026“ mit weiteren Experteninterviews sowie Einblicken nationaler Carsharing-Verbände. Mehr über Mobility erfährst du auf der Website des Unternehmens.
Hinweis: Das originale Bloginterview mit Corinne haben wir auf Englisch geführt und kann hier gelesen werden.