MyWheels’ Blick auf Carsharing-Innovationen wie V2G und Driving Score

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Carsharing, Expert Interviews

MyWheels blog interview with Claire Sipkema

Zusammenfassung

Wir haben Claire Sipkema, COO von MyWheels, zu ihrer Expertise im Bereich des stations-basierten Carsharings in den Niederlanden interviewt. Sie gab Einblicke in die Vehicle-to-Grid-Technologie, die Einbindung von Carsharing in neue Wohnbauprojekte, Erfahrungen mit dem Driving Score, die besondere Beziehung zur eigenen Community über sogenannte “Sleutelfiguren” sowie Faktoren für den Erfolg des niederländischen Carsharings. MyWheels ist ein Carsharing-Anbieter mit festen Standorten, der eine Mischung aus festen Parkplätzen und (Nachbarschafts-)Parkzonen anbietet. Das Unternehmen betreibt eine Flotte von rund 3.000 Fahrzeugen. Es gehört zur “The Sharing Group” und ist in städtischen Gebieten in den gesamten Niederlanden tätig. Im Jahr 2025 hat MyWheels ein groß angelegtes Vehicle-to-Grid-Pilotprojekt (V2G) gestartet.

Der europäische Carsharing-Markt ist komplex und zeichnet sich durch eine große Vielfalt unterschiedlicher Geschäftsmodelle aus. Anbieter verfolgen dabei unterschiedliche Ansätze, von stationsbasiertem Carsharing über Peer-to-Peer-Modelle bis hin zu Free-Floating-Angeboten, um verschiedene Anwendungsfälle und Serviceanforderungen abzubilden. Zusätzlich zählt Europa zu den größten und zugleich komplexesten Carsharing-Märkten weltweit. Um diese Komplexität greifbar zu machen, veröffentlicht INVERS das INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2026“. Der Report gibt Carsharing-Anbietern einen kompakten Überblick über zentrale Marktdynamiken, Erkenntnisse und Trends.

Inhalt

MyWheels gehört zu den Pionieren der Vehicle-to-Grid-Technologie im Carsharing-Sektor. Was muss geschehen, damit diese Technologie europaweit eingeführt werden kann?

MyWheels hat im vergangenen Jahr mit V2G begonnen und die ersten 50 V2G-Fahrzeuge in Utrecht in Betrieb genommen. Bis Ende dieses Jahres wird diese Flotte auf 800 Fahrzeuge in den gesamten Niederlanden angewachsen sein.

Netzengpässe sind kein rein niederländisches Problem, sondern eine europaweite Herausforderung. Wir sind davon überzeugt, dass V2G eine wichtige Rolle im zukünftigen europäischen Energiesystem spielen kann, doch dafür müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens ist eine stärkere Standardisierung bei Fahrzeugen, Ladeinfrastruktur, Energiesystemen und Netzbetreibern erforderlich. Zweitens brauchen wir die richtigen regulatorischen und marktbezogenen Rahmenbedingungen, um eine schnellere Einführung zu ermöglichen. Und drittens brauchen wir Skaleneffekte. Carsharing-Flotten sind besonders wirkungsvoll, da sie intensiv genutzt und zentral verwaltet werden. Mit den richtigen Rahmenbedingungen und der entsprechenden Größe können (größere) V2G-Flotten neben ihrer Mobilitätsfunktion zu einer bedeutenden dezentralen Energiequelle für europäische Städte werden.

Wie arbeitet MyWheels mit Bauträgern und Kommunen zusammen, um Carsharing von Anfang an in neue Wohnbauprojekte zu integrieren?

In den letzten Jahren haben wir einen deutlichen Wandel beobachtet. Anfangs haben wir uns an Bauträger und Kommunen gewandt; heute kommen diese zunehmend auf uns zu, da sie erkennen, dass Shared Mobility dazu beitragen kann, Herausforderungen in den Bereichen Wohnungsbau, Netzüberlastung und Lebensqualität in Städten zu bewältigen. Der Schlüssel liegt darin, Carsharing von Anfang an zu integrieren, noch bevor Parkplätze geplant werden. Wir arbeiten mit Bauträgern und Kommunen zusammen, um den Mobilitätsbedarf zu erfassen und die richtige Mischung aus Carsharing, öffentlichem Nahverkehr, Radfahren und Zufußgehen zu konzipieren. Außerdem können wir modellieren, wie V2G-Fahrzeuge zur Entlastung lokaler Stromnetze beitragen können. Für Bauträger kann dies den Bedarf an (teurer) Parkinfrastruktur verringern oder sogar darüber entscheiden, ob ein Projekt realisiert werden kann. Für Kommunen entstehen dadurch lebenswertere Stadtviertel mit weniger Verkehr und weniger geparkten Autos. Letztendlich sehen wir das Carsharing-Fahrzeug (V2G) als Teil der Infrastruktur jedes Stadtviertels.

Euer Unternehmen hat ein proaktives Driving Score System eingeführt. Welche typischen Vorfälle erkennt ihr, und wie kommuniziert ihr im Falle wiederholten Fehlverhaltens mit Kunden?

Das Ziel unseres Driving Scores ist Aufklärung und Prävention, nicht Bestrafung. Wir möchten Verhaltensweisen erkennen, die zu unsicherem Fahrverhalten, Schäden oder einer negativen Erfahrung für den nächsten Kunden führen könnten. Je nach Fahrzeug und verfügbaren Daten erkennen wir Ereignisse wie abruptes Beschleunigen oder Bremsen, übermäßiges Kurvenfahren, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Kollisionen und andere ungewöhnliche Fahrmuster. Wir achten dabei eher auf wiederkehrende Muster und reagieren nicht auf einzelne Vorfälle.

In die Analyse fließen ausschließlich Erkenntnisse zu Fahrzeugen und zum Nutzerverhalten ein, keine kundenspezifischen Daten. Erst wenn wir potenziell problematisches Verhalten feststellen, nehmen wir Kontakt zum Kunden auf, erläutern ihm, was wir beobachtet haben und warum dies von Bedeutung ist. Oft reicht bereits die Sensibilisierung aus, um das Verhalten zu ändern. Sollte das Verhalten dennoch anhalten, ergreifen wir strengere Maßnahmen, die von Verwarnungen und Einschränkungen bis hin zur Sperrung des Zugangs in schwerwiegenden oder wiederholten Fällen reichen.

Das Prinzip ist einfach: Wer Autos gemeinsam nutzt, muss auch gemeinsam Verantwortung übernehmen.

MyWheels arbeitet mit sogenannten „sleutelfiguren“ (Botschaftern) zusammen. Welche Rolle spielen die lokalen Fahrzeugbotschafter und welchen Einfluss haben sie? Wie funktioniert das Programm?

Unsere lokalen Botschafter tragen dazu bei, dass Carsharing zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Stadtviertels wird. Sie sind eng mit ihrer Gemeinde verbunden und helfen anderen dabei, den Einstieg in das Carsharing zu finden. Sie beantworten praktische Fragen, helfen bei kleineren Problemen wie Ladefehlern, melden Störungen und ermutigen Nachbarn, Carsharing auszuprobieren.

Diese lokale Verbindung ist wertvoll, denn Carsharing ist nicht nur eine technologische Plattform – es erfordert auch eine Verhaltensänderung. Die Menschen müssen verstehen, wie es funktioniert, und darauf vertrauen können, dass ein Carsharing-Fahrzeug verfügbar ist, wenn sie eines brauchen. Das Programm liefert uns zudem wertvolles Feedback aus der Region: wo die Nachfrage wächst, welche Herausforderungen die Nutzer erleben und was wir verbessern können. „Sleutelfiguren“ sind mehr als nur zusätzliche helfende Hände. Sie sind die Brücke zwischen MyWheels und der lokalen Gemeinschaft.

Die Niederlande sind in Europa eine Hochburg des Carsharings. Welche Faktoren haben zum Erfolg des Carsharings in den Niederlanden beigetragen?

Ich glaube, dass sich hier mehrere Faktoren gegenseitig verstärken. Erstens gibt es in den Niederlanden eine ausgeprägte Kultur der multimodalen Mobilität. Die Menschen sind es gewohnt, Radfahren, öffentliche Verkehrsmittel, Zufußgehen und das Auto zu kombinieren, wodurch Carsharing zu einem selbstverständlichen Bestandteil der alltäglichen Mobilität wird.

Zweitens sind unsere Städte relativ dicht bebaut und auf Lebensqualität ausgerichtet. Der Platz ist knapp, und die Kommunen erkennen zunehmend, dass es ineffizient ist, wertvollen öffentlichen Raum für Privatfahrzeuge zu nutzen, die den größten Teil des Tages geparkt stehen.

Drittens verfügen wir über eine gut ausgebaute Infrastruktur für den Radverkehr und den öffentlichen Nahverkehr. Ein Carsharing-Auto muss daher nicht jede Fahrt ersetzen – es muss lediglich die Fahrten abdecken, bei denen ein Auto einen echten Mehrwert bietet.

Schließlich engagieren sich die niederländischen Kommunen zunehmend aktiv für die Förderung der geteilten Mobilität, was ein wichtiger Wachstumsmotor war. Gleichzeitig sind wir der Ansicht, dass es Raum für noch mehr Unterstützung gibt, nicht nur seitens der Kommunen, sondern auch seitens der nationalen Regierung. Carsharing ist ein kostenintensives Geschäft, und die Betreiber sehen sich mit steigenden Kosten konfrontiert – von Steuern über Energiekosten bis hin zu Fahrzeugpreisen. Wenn wir den Übergang vom privaten Autobesitz zur geteilten Mobilität beschleunigen wollen, sind zusätzliche Fördermaßnahmen und günstige politische Rahmenbedingungen unerlässlich, damit die Branche nachhaltig wachsen kann.

Weitere Einblicke in den europäischen Carsharing-Markt

Claire, vielen Dank für den Einblick in deinen Arbeitsalltag und das Teilen deiner Expertise.

Weiterführende Informationen zum europäischen Carsharing-Markt enthält das umfangreiche INVERS Mobility Barometer „European Car Sharing 2026“ mit weiteren Experteninterviews sowie Einblicken nationaler Carsharing-Verbände. Mehr über MyWheels erfährst du auf der Website des Unternehmens.

Hinweis: Das originale Bloginterview mit Claire haben wir auf Englisch geführt und kann hier gelesen werden.

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